Vorbild und Nachahmung

„Aber das Kind lernt eben nicht durch Belehrung, sondern durch Nachahmung."
                                                                                              R. Steiner

Lernen und Bildung finden durch die freie Nachahmung tätiger Vorbilder statt und für alles Lernen ist Beziehung, Freude und Bewegung wichtig. Das Kind im Kindergartenalter entwickelt sich weniger durch Belehrungen und lange Erklärungen als durch Nachahmung. Es ahmt nach, was die Bezugspersonen, also Mutter und Vater, Geschwister und die Erzieherinnen im Kindergarten tun - auch die Art und Weise, wie sie handeln und sprechen. So entwickelt das kleine Kind im ersten Jahrsiebt die Fähigkeiten, die ihm ermöglichen, sich immer selbständiger in der Welt einzufügen. Die Erwachsenen in der Umgebung des Kindes werden so zum Vorbild.

Diese Fähigkeit, sich ganz mit seiner Umgebung und den ihm vertrauten Menschen zu verbinden, ist sozusagen eine mitgebrachte Lernfähigkeit und die Waldorferzieherinnen sind liebevolle Begleiter bei dieser Entwicklung. Die Nachahmung erfolgt zunächst unbewusst und wird erst allmählich immer bewusster. Sie kommt beim Spielen zum Ausdruck, wenn das Kind Erlebnisse des täglichen Lebens, beispielsweise im Bus, beim Arzt oder im Familienleben im Spiel wiederholt.

Tafelbild Kullak-Ublick

Alles, was in der Umgebung geschieht, macht einen starken Eindruck auf das Kind. Besonders anregend wirken Arbeiten und Tätigkeiten, die der Erwachsene im Beisein des Kindes verrichtet, und das gilt für zu Hause und auch im Waldorfkindergarten. Die Haltung, die der Erwachsene in Bezug auf Lebewesen und Gegenstände in seiner Umgebung an den Tag legt, hat Vorbildcharakter. Auch deshalb ist die Selbsterziehung des Erwachsenen wichtig. Für die Erzieherinnen bedeutet das, dass es nicht darum gehen kann, das Kind zu belehren oder ihm vorgefasste Meinungen und Grundsätze einzuprägen, sondern die Kindergärtnerin muss bei sich selbst beginnen, damit sie dem Kind Vorbild sein kann. Wenn man diesen Grundsatz genau nimmt, so würde das bedeuten, dass in der Umgebung des Kindes nichts geschehen sollte, was das Kind nicht nachahmen dürfte.

Die Zeit bis zum Schuleintritt steht ganz im Zeichen der Nachahmung und das Kind kann sich voller Hingabe und Vertrauen seiner Umgebung öffnen. Durch Nähen, Backen, Kochen, Holzarbeiten, Reigen, Singen wird es angeregt und ergreift die Tätigkeiten, wodurch Geschicklichkeit, Bewegung, Sprache entwickelt wird, und dies alles, ohne belehrt zu werden. Auch sein Umgang mit anderen Menschen, seine Beziehung zu ihnen wird gefördert, und dadurch wird es immer selbständiger.

So ist es das Ziel der Erzieherinnen im Waldorfkindergarten, ein gutes Vorbild zu sein. In allen Tätigkeiten lässt sich dies verwirklichen: die einfachen hauswirtschaftlichen Dinge des täglichen Lebens, die Sprach- und Musikerziehung, die handwerklichen und künstlerischen Elemente. Durch die eigene Tätigkeit wird so das phantasievolle Nachahmen des Kindes geweckt. Wenn Liebe und Harmonie erfahren und erlebt werden können, wenn deutlich wird, dass die Erwachsenen trotz manch auftretender Schwierigkeiten mit Freude durchs Leben gehen, dann geht das Kind gestärkt aus der Zeit der frühen Kindheit hervor.


Nur im Hier und Jetzt

Im Waldorfkindergarten gehen die Kinder mit Gewohnheiten und kleinen Ritualen durch den Tag. Auf wortreiche Erklärungen wird verzichtet. Die Dinge werden einfach getan. Der verfrühte Appell an die Intellektualität wird vermieden. Auch das gezielte »Hochholen« von Erlebtem - das Erinnern - wird so wenig wie möglich von den Kindern verlangt. Warum eigentlich?

Lesen Sie weiter unter: Erziehungskunst 11/2010


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Zitate: Vorbildung, Nachahmung, Ideal


Wer lernen will, braucht ein Gegenüber. Mit der Nachahmung muss man richtig umgehen

Von Karl-Reinhard Kummer, Oktober 2014

In einem Waldorfkindergarten spielt sich folgende Szene ab: Nach dem Spielen draußen im Sandkasten nimmt der Erzieher einen Dreijährigen an die Hand und beginnt zu singen: »Herbei, herbei!« Ein anderes Kind ergreift dessen Hand und so weiter, bis schließlich alle Kinder hinter dem Erzieher Hand an Hand nach drinnen gehen...

Weiter unter: Nachahmung - Erziehungskunst Okt14


Das Grundprinzip der Waldorfpädagogik: Nachahmung

Was passiert, wenn Sie mit einem 4jährigen Kind an einem Gruppe singenden, tanzender Menschen vorbei kommen? - Das Kind bleibt stehen, guckt und tanzt mit. Oder Sie kommen an einer Baustelle vorbei und der Bagger hebt gerade ein tiefes Loch aus, das Kind bleibt stehen, schaut und nimmt die Bewegungen in sich auf.

Lesen Sie weiter unter:

Vereinigung der Waldorfkindergärten - Nachahmung


Das Prinzip der Nachahmung

Rudolf Steiner, GA 301, 3. Vortrag

[…] Wir haben unterscheiden müssen das menschliche Leben bis zum Zahnwechsel und dann wiederum bis zur Geschlechtsreife, und ich habe versucht, Ihnen zu charakterisieren, wie anders die Kräfte sind in dem ersten menschlichen Lebensabschnitt als in dem zweiten. Das aber bedingt für beide Lebensabschnitte eine ganz verschiedene Art des seelischen Erlebens. Einfach dadurch, dass das Vorstellungsmäßige auf jene innere Verhärtung des menschlichen Leibes geht in der ersten Lebensepoche, die ihre Kulmination erlebt im Zahnwechsel um das siebente Jahr, ist für den Menschen in dieser Zeit das wichtigste Kommunikationsmittel in seiner menschlichen Umgebung das Prinzip der Nachahmung. Alles, was der Mensch in diesen Jahren vollzieht bis zum Zahnwechsel, vollzieht er aus dem Prinzip der Nachahmung. Es ist so unendlich wichtig, was die Umgebung eines Kindes tut in diesem Lebensalter; denn das Kind macht einfach nach. Es gehört zu den Kräften dieses Lebensalters, dass das Kind nachmacht. Und dieses Nachmachen hängt zusammen mit denselben Kräften, die die zweiten Zähne aus dem Kiefer herausholen. Es sind dieselben Kräfte und wir haben gesehen, es sind die vorstellenden Kräfte. Die vorstellenden Kräfte sind zugleich die gestaltenden Kräfte. Es sind die Kräfte, die im Prinzip des Nachahmens im Kinde wirken. Denken Sie sich, was das heißt, wenn man das einsieht nicht nur mit dem Verstande, nicht bloß intellektuell, wenn man das einsieht mit dem ganzen Menschen, mit der ganzen Seele, wenn man dafür volles universell menschliches Verständnis hat! Das heißt, ich weiß, wenn ich vor einem noch nicht siebenjährigen Kinde etwas tue, so tue ich das nicht nur für mich, sondern es setzt sich mein Tun in das Tun des Kindes hinein fort. Ich bin nicht allein mit meinem Tun. Wir werden sehen: ich bin nicht allein mit meinem Tun, mit meinem Wollen, mit meinem Fühlen, ich bin nicht allein mit meinem Denken oder Vorstellen, denn die wirken als Imponderabilien.


Buchtipp:

Spielen und arbeiten im Waldorfkindergarten, Freya Jaffke

Verlag Freies Geistesleben, 9,50 €

...Gedanklich sorgfältig, mit vielen Beispielen aus der Praxis, unmittelbar einleuchtend und anregend - so beschreibt Freya Jaffke das Spielen und Arbeiten im Waldorfkindergarten. Sie zeigt, wie die Erziehung des kleinen Kindes ganz auf Rhythmus und Wiederholung, auf Vorbild und Nachahmung beruht und wie diese grundsätzlichen Aspekte auch die alltäglichen Situationen im Umgang mit Kindern prägen...