Naturwissenschaften im Waldorfkindergarten?

"Lernen ist Erfahrung. Alles andere ist einfach nur Information."

Albert Einstein

Diese Äußerung Einsteins, dass Lernen Erfahrung sei, bedeutet für den Erwachsenen, für den Waldorferzieher, dass er den Kindern in vielen Bereichen Erfahrungsmöglichkeiten verschafft. Unsere Kinder wachsen hier und heute oft in einer Welt auf, die ihnen einen großen Teil echter Erfahrungen vorenthält, denn viel zu häufig erhalten sie Informationen aus den verschiedensten Medien und nicht durch eigene Anschauung oder eigenes Tun.

Ohne „die gute alte Zeit" heraufbeschwören zu wollen, muss man doch festhalten, dass viele Herstellungsprozesse, an denen Kinder früher ganz natürlich teilgenommen haben, heute außerhalb unserer eigenen Erfahrungen ablaufen. In wie vielen Familien wird noch Brot gebacken, Obst eingekocht oder selber genäht und geflickt? Durch diese einfachen Tätigkeiten könnten unsere Kinder im Alltag die chemischen und physikalischen Prozesse, die sich dabei vor ihren Augen vollziehen, erleben. Und welche Möglichkeiten haben unsere Kinder noch, handwerkliche Tätigkeiten (Tischler, Maurer, Gärtner, Schuster, Schmied etc.) kennenzulernen? Welche elementaren Naturerfahrungen machen unsere Großstdtkinder noch?

Wenn man mit dem Ruf nach „naturwissenschaftlicher Erfahrung" genau dies alles meint, so wird in den Waldorfkindergärten sehr wohl dafür gesorgt, dass unsere Kinder in diesem Sinne lernen, denn es werden ihnen durch die Pädagogik im Waldorfkindergarten Erfahrungen aus allen Bereichen ermöglicht.

Aus dem Konzept des interkulturellen Kindergartens

 „Der Alltag im Waldorfkindergarten soll erfüllt sein von selbstverständlichen menschlich-sinnvollen Handlungen, reich an Möglichkeiten, Erfahrungen zu machen. Dazu gehören die ganz normalen Verrichtungen wie das Zubereiten der Mahlzeiten, Decken des Tisches, Aufräumen, Schmücken der Räume zu besonderen Anlässen, Feiern von Festen, Singen und Erzählen. Je anregender das Kindergartenleben als Lernfeld ist, je mehr Leichtigkeit, Freude und Heiterkeit herrscht, desto besser sind die Entwicklungsbedingungen des Kindergartenkindes. Nicht ein isolierter Lernprozess mit Lernprogrammen, Unterweisungen und dauernden Belehrungen entspricht dem Wesen des Kindes im Kindergartenalter, sondern der Waldorfkindergarten sieht seine Aufgabe darin, das Kind so zu stärken, dass es seinen zukünftigen Aufgaben gerecht werden kann. Die erforderlichen Fähigkeiten werden aus dem Leben für das Leben entwickelt. Der Lernbegriff in der Waldorfpädagogik im ersten Jahrsiebt ist somit ein indirekter. Durch diesen Ansatz lernen die Kinder selbständiges Denken, um sich und die Welt zu verstehen. Sie erschließen sich die Welt mit Hilfe ihrer Phantasiekräfte. Der Waldorfkindergarten will ein Umfeld schaffen, in welchem sich die Kinder durch das Spiel und mit allen ihren Sinnen die Welt erschließen können."

Mehr dazu unter: Konzept.

Freiräume für Experimente

Die Idee, die dem Waldorfkindergarten zugrunde liegt, legt durch den Ablauf des Kindergartenalltags den Grundstein auch für naturwissenschaftliche Erfahrungen. Den Kindern wird Gelegenheit gegeben, aus der Beobachtung und Wahrnehmung heraus die Gesetzmäßigkeiten der Naturwissenschaften im praktischen Tun und Spiel umzusetzen. Durch das freie Spiel mit den verschiedensten Materialien z. B. wird das naturwissenschaftliche Denken gefördert und Freiraum für Experimente gelassen. So bekommen die kleinen Kinder schon frühzeitig praktische Erfahrungen mit Natur und Technik - angeregt und begleitet durch die WaldorferzieherInnen. Dies sei an den Elementen Erde, Wasser, Luft und Licht / Feuer näher erläutert.

Erde

Nicht nur im Sandkasten, sondern auch im Gemüsegarten oder im Blumenbeet schauen wir uns gemeinsam mit den Kindern die Erde genau an. Die Kinder spüren, wie sie sich anfühlt - trocken im Sommer, regensatt im Herbst, hart gefroren im Winter, körnig oder fein -, sie riechen ihren aromatischen Duft, können ihr Aussehen beschreiben. Möglicherweise entdecken die Kinder in ihr auch einige Käfer oder Regenwürmer.

Im Sandkasten werden Burgen gebaut und Sand, Erde, Steine oder Stöckchen werden verwendet. Die Erfahrung lehrt sie, dass man mit trockenem Sand nicht so gut bauen kann wie mit etwas feuchterem. Mit der Gießkanne wird der Sand angefeuchtet. Es werden Steine  aufeinander geschichtet und es wird schnell klar, dass die großen Steine in der Regel unten liegen sollten und dass es umso schwieriger ist, desto glatter die Steine sind.

Wenn zur Osterzeit das Ostergras in den Schälchen gesät und sein Wachstum beobachtet wird, lernen die Kinder den praktischen Umgang mit der Erde und den Pflanzen.

Wasser

Nicht nur beim Begießen der Pflanzen oder beim Anfeuchten des Sandes kommen die Kinder mit den Besonderheiten des Wassers in Berührung. Schon beim Händewaschen vor und nach dem Essen lassen sich vielfältige Erfahrungen machen: Wie weit wird der Wasserhahn geöffnet und wie fließt das Wasser jeweils? Sind es Tropfen oder ist es ein Wasserstrahl?

Die Kinder wissen, dass das Wasser als Regen auf die Erde kommt. Ein Teil des Wassers sickert in die Erde ein und wird zum Grundwasser, ein anderer Teil verdunstet. Dies kann man mit den Kindern sehr anschaulich machen, wenn man Wasser auf den Plattenweg schüttet und nach einer Weile nachschaut, ob das Wasser noch da ist. Auch das kochende Wasser in der Küche, das die Fenster beschlagen lässt, eignet sich, um etwas aufzuzeigen.

Die Kinder be-greifen und erleben mit vielen Sinnen das Element Wasser. Was schwimmt, was nicht? Wasserfarbe wird im Wasser aufgelöst, Schnee und Eis wird zu Wasser, wenn man es in der Wärme schmilzt usw. Und man kann gemeinsam mit den Kindern überlegen, wofür wir das Wasser brauchen: zum Trinken, zum Kochen, zum Waschen, die Pflanzen brauchen es, die Fische usw. Auch ein Wasserrad kann gebaut - oder auch gekauft - werden und die Kinder erleben die Kraft des Wassers.

Luft

Bei jedem Wetter können die Kinder die Luft erleben. Man muss sie nur darauf aufmerksam machen: Wenn es draußen windig ist, kann man die Kinder den Wind spüren lassen, kleine Windmühlen aufstellen oder bestenfalls sogar einen Drachen steigen lassen. Im Sommer kann man sich Luft zufächern, den Fächer vielleicht sogar selber herstellen. Aber auch die Windstille wird beispielsweise durch ein Fähnchen, das ganz schlapp herunterhängt, gezeigt.

Luft ist überall, und es ist wichtig, dass Kinder dies erfahren, denn wir brauchen die Luft, möglichst saubere Luft, zum Atmen, und auch die Pflanzen und Tiere brauchen sie, denn ohne Luft können wir nicht leben.

Licht / Feuer

Besonders in der Adventszeit können wir mit den Kindern die Kerzen beobachten: Wir sehen die Flamme, die verschiedenen Farben, die sie haben kann, wir beobachten, dass die Kerze immer kleiner wird. Das Wachs schmilzt und Rauch steigt auf, wenn die Kerze ausgepustet wird. Man sieht die Luft oberhalb der Flamme flackern und wir spüren die Wärme, die von der Kerze ausgeht.

Je mehr Kerzen angezündet werden, desto heller wird es. Man kann mit den Kindern über Licht und Dunkelheit sprechen, über Tag und Nacht. Auch das Osterfeuer oder Kartoffelfeuer bieten Gelegenheit, das Element zu erleben.

Bei der Frage, wozu überall Feuer gebraucht wird, kann man auch deutlich mit den Kindern darüber sprechen, dass sie auf keinen Fall alleine mit Feuer spielen, denn Feuer kann gefährlich werden.

Grundlagen mathematisch-naturwissenschaftlicher Bildung

Wenn unsere Kinder spielen, ergibt sich in vielen Fällen eine natürliche Vorbereitung auf eine spätere mathematisch-naturwissenschaftliche Bildung. Kinder sind sehr interessiert an allen Erscheinungen der Natur und gehen neugierig, fragend und forschend auf sie zu und experimentieren ganz spontan. Was sie so erleben, wird ihrem Spiel hinzugefügt.

Im Umgang mit naturbelassenen, zweckfreien Materialien kann das Kind selbständig bauen und konstruieren. Es kann die Muscheln, schönen Steine, Stöcke und dergleichen sortieren und ordnen, es kann sie vergleichen. Es kann ausprobieren, wie man sie miteinander verbinden kann, wie man sie schichten kann, wie verschieden sie sind in Größe und Gewicht. Qualitäten und Quantitäten werden so sinnlich und unmittelbar erlebt. Das Kind erforscht die Welt im Kleinen, es lernt sie zu gestalten und mit ihr umzugehen. So werden mathematisch-physikalische Gesetze erlebt und Fähigkeiten erworben, lange, bevor das Kind mit Zahlen rechnet oder physikalische Gesetze bewusst anwendet. Später in der Schule werden sie mit dem Verstand erkannt, im Kindergarten werden sie sinnlich-leiblich erfahren. Und die Kinder lernen im Handeln diese Gesetzmäßigkeit kennen.

Der Waldorfkindergarten - Lernort im Sinne der frühkindlichen Bildung

Der Kindergartenalltag bietet eine gute Grundlage zum Erleben und Erfahren vielfältiger Bildungsangebote. Es mögen hier noch einige Beispiele angeführt werden:

Die Akademisierung der Kindheit - Wissen aus zweiter Hand

Dr. Salman Ansari plädiert gegen die Akademisierung der Kindheit und gegen "Wissen aus zweiter Hand". In dem Artikel berichtet er über seine Arbeit mit Kindergartenkindern.

„Seit einigen Jahren arbeite ich mit Kindergartenkindern zusammen, und je länger ich das mache, desto fragwürdiger und erläuterungsbedürftiger erscheinen mir zwei Begriffe, die seit PISA zunehmend mit den Erziehungsprozessen in Kindergärten assoziiert werden. Sie lauten: Frühförderung und naturwissenschaftlich-technische Bildung in Kitas."

Im Sandkasten werden Burgen gebaut und Sand, Erde, Steine oder Stöckchen verwendet. Zusammenhänge werden durch die Erfahrung begriffen.