Phantasiekräfte

"Die kindliche Fantasie ist die Basis, auf der sich im späteren sozialen und beruflichen Leben Kreativität entwickeln kann. Wer in dieser Phase nicht fantasieren und tagträumen konnte, dem fehlt es später an Spontaneität und Vielseitigkeit in den mitmenschlichen Beziehungen. Rein intellektuell orientierter Unterricht tötet die Fantasie und züchtet Menschen, die später einsam sind und immer wieder erleben müssen, dass sie zu echtem Kontakt unfähig sind."
Bernhard Lievegoed, in: Lebenskrisen, Lebenschancen

Freie und schöpferische Kräfte braucht der Mensch - das Kind sowie der Erwachsene, um sich kreativ ins Leben hineinstellen zu können. Die Grundlage dafür bildet die Entwicklung der Phantasiekräfte. Beim kleinen Kind können sich diese Kräfte durch das Spiel, durch Märchen und Geschichten, das künstlerische Tun und Sinneserfahrungen entwickeln. Kann der Erwachsene auf ein im Kindesalter angelegtes Potential zurückgreifen, so fallen ihm eine schöpferische Lebensgestaltung, Problemlösungen und geistige Beweglichkeit leichter.  

Im Waldorfkindergarten wird darauf großen Wert gelegt. Durch das Malen, Kneten, Werken, Backen etc. wird das Kind angeregt und auch im Freispiel mit dem im Waldorfkindergarten vorhandenen Spielzeug (Naturmaterialien, schönes und einfaches und freilassendes Spielzeug) entsteht Kreativität. Gerade das „Fehlende" bei den nicht so stark ausgestalteten Spielsachen erlaubt der Phantasie des Kindes, eben dieses zu ergänzen. (Man könnte hier auch vom „Mut zur Lücke" sprechen, wenngleich damit gemeinhin ja etwas anderes gemeint ist.) Besonders das Unfertige ist es, was die Kinder zu Tätigkeiten anregt: durch ihre Phantasie geben sie den Dingen immer wieder andere Definitionen, Bestimmungen, Aufgaben. Das Spielmaterial ist vielfältiger einsetzbar, wenn es natürlich und einfach ist.  

Rudolf Steiner beschreibt den Unterschied im kindlichen Spiel mit einer einfachen Puppe, die nur aus einem Tuch entstanden ist, und der sogenannten „schönen Puppe", die im Detail ausgearbeitet ist. Beim Spiel mit der einfachen Puppe kann das Kind aus seiner Phantasie heraus alles ergänzen: das Gesicht kann lachen, weinen, schlafen, wachen, wütend, traurig oder fröhlich sein. Die schöne Puppe mit ihrem immer lächelnden Gesicht liefert ein fertiges Bild und lässt keinen Freiraum für das kindliche phantasievolle Spiel.

Dem Kind muss Raum und Zeit gelassen werden zum Spielen, damit sich die kindliche Phantasiekraft entfalten kann. Vorgeformte und fertige Bilder, Erlebnisse und Spiele sind dabei wenig förderlich, ebenso wie die immer stärker einsetzende Flut von Bildern durch die Medien. Die kindliche Phantasie, die Kreativität wird so massiv gestört und kann später auch beim Erwachsenen zu einer eingeschränkten Gestaltungsfähigkeit führen.

Durch die Phantasie erlebt das Kind sein Spiel, sein Tun als real: Ein besonders geformtes Stück Holz ist das Bügleisen, kurz darauf ist es der Telefonhörer oder das Handy. Die Verwandlungsfähigkeit des Materials regt also an, die Phantasiekräfte wirken zu lassen. In diesem frühen Alter wirkt sich dies positiv auf das Gehirn aus: Die Phantasiekräfte legen die Grundlage für lebendiges Denken und verwandeln sich in Gedächtniskräfte.

Unsichtbare Freunde

Viele Kleinkinder haben noch bis ins Kindergartenalter hinein ihre unsichtbaren Freunde. Die Eltern sollten sich nicht dadurch verunsichern lassen. Ihr Kind lebt nicht in einer ungesunden Phantasiewelt, sondern integriert diese unsichtbaren Wesen in seinen Kinderalltag, lässt sich von ihnen trösten und fühlt sich von ihnen gut begleitet. Sie können aber durchaus auch diejenigen sein, die verantwortlich sind für den unaufgeräumten Tisch, für das umgekippte Saftglas oder den zerbrochenen Buntstift.

Pilo und Dädä

Was das Zusammenleben mit den kleinen unsichtbaren Freunden in einer Familie ausmachen kann, können Sie in diesem Bericht lesen:

Link: Pilo schon wieder und:
Wie die Dädä fast ertrunken wäre

In dem folgenden Artikel ist das Phänomen der unsichtbaren Freundes beschrieben:

"Der Kumpel aus dem Fantasieland"

Fast jedes dritte Kind erfindet sich bisweilen einen unsichtbaren Freund. Viele Eltern reagieren darauf erst einmal etwas ratlos. Beruhigend: Fantasiefreunde geben Kindern Halt. Und sie verschwinden irgendwann wieder von selbst...

Hier geht es weiter: "Eltern", vom 24.11.09


Mit Fantasie erobern Kinder die Welt

In der Fantasie von Kindern werden Blumen und Bäume zu Lebewesen, mit denen man reden kann. Ihre Augen sehen, was Erwachsenen verborgen bleibt: Zwerge und Riesen, Engel und Gespenster. Nicht umsonst heißt die Zeit zwischen drei und sechs Jahren "magisches Alter". Kinder brauchen Eltern, die ihnen Freiräume zum Forschen und Entdecken ermöglichen. Denn nur so kann sich Kreativität entfalten...

Lesen Sie weiter unter: spielundzukunft.de - Mit Fantasie erobern Kinder die Welt

Ganz hoch im Kurs: Fantasiespiele

Beobachten und Spielen

Eltern kommen in dieser Spielphase ihres Kindes oft nicht aus dem Staunen heraus. Tag für Tag bringt es neue Anregungen aus dem Kindergarten mit nach Hause. Kinder im vierten Lebensjahr möchten nun mehr über das Leben draußen erfahren. Interessiert  beobachten sie Menschen bei ihrer Arbeit. Und gerne spielen sie zu Hause nach, was sie gesehen und erlebt haben, Busfahrer, Kinderärztin, Verkäufer...

Lesen Sie bitte weiter: Spiel und Zukunft, Fantasie


Unsichtbare Freunde. Wie gehen wir mit Phantasiegefährten um?

Von Norbert Neuß, März 2012

Phantasiegefährten sind unsichtbare, nur in der Vorstellung vorhandene und für andere Personen unzugängliche Begleiter von Kindern. Die Kinder haben eine positive Beziehung zu ihnen. Gibt es bestimmte soziale, familiäre oder psychische Situationen, in denen Kinder unsichtbare Freunde suchen? Sind Phantasiegefährten gefährlich? Norbert Neuß, Professor für »Pädagogik der Kindheit« an der Universität Gießen, gibt Auskunft.

Link: Erziehungskunst März 2012, Phantasiegefährten


Zitate: Phantasie