Zitate: Märchen

Märchen, Mythen, Sagen

...Da ist es ja so, dass wir durch die Anthroposophie wieder lernen, an die Legenden, an die Mythen selber zu glauben, weil sie in der Imagination die höhere Wahrheit ausdrücken. Wir finden uns wieder hinein in die seelische Behandlung des Mythischen, des Legendenhaften, des Märchenhaften. Dadurch strömt unsere Rede, wenn wir zu dem Kinde sprechen, von dem eigenen Glauben an die Sache durchdrungen, an das Kind heran. Das bringt Wahrheit zwischen den Erziehenden und das Kind; während oftmals soviel Unwahrheit waltet zwischen den Erziehenden und den Kindern. Unwahrheit waltet sofort, wenn der Lehrer sagt: Das Kind ist dumm, ich bin gescheit; das Kind glaubt an die Märchen, die muss ich ihm daher erzählen. Das schickt sich so für das Kind. - Da kommt sogleich der Verstand hinein in das Erzählen.

Dafür hat das Kind gerade zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife das allerfeinste Gefühl, ob im Lehrer der Verstand oder die Phantasie waltet...

Rudolf Steiner, Torquay, GA 311, 2. Vortrag

...Und wer eigentlich die Märchen studiert, der findet in den Märchen eine so bedeutende Physiologie zum Beispiel, dass es schon einen Weg gibt, um an die Märchen zu glauben, so dass durchaus der Grad von innerer Märchenstimmung, den ich gebrauche, um dem Kinde irgend etwas beizubringen vom ‚Schneewittchen' oder... so ist, dass durchaus das Gefühl entstehen kann, das in mir selbst eine Gläubigkeit hat. Ich muss nur innerlich durchdrungen sein von einer Sache...

Rudolf Steiner aus: Idee und Praxis der Waldorfschule, Fragenbeantwortung 29.12.1920, GA 297

In unsere sprachliche, in unsere mythische Vergangenheit haben uns die Brüder Grimm eingeführt. Ihre Überzeugung ist in den schönen Worten enthalten: ‹‹Es wird dem Menschen von heimatswegen ein guter Engel beigegeben, der ihn, wenn er ins Leben auszieht, unter der vertraulichen Gestalt eines Mitwandernden begleitet; wer nicht ahnt, was ihm Gutes dadurch widerfährt, der mag es fühlen, wenn er die Grenze des Vaterlandes überschreitet, wo ihn jener verlässt, Diese wohltätige Begleitung ist das unerschöpfliche Gut der Märchen, Sagen und Geschichte›.

Rudolf Steiner aus: GA 31, S.408

Im zweiten Schuljahr werden wir uns bemühen, das Leben der Tiere in erzählender Form vorzubringen. Wir werden von der Fabel übergehen zu der Wahrheit, wie die Tiere sich zueinander verhalten...

Rudolf Steiner, aus: 1. Seminarbesprechung, GA 295

Mondbeglänzte Zaubernacht, die den Sinn gefangen hält, wundervolle Märchenwelt, steig auf in der alten Pracht.

Ludwig Tieck

Und weil im Kinde die menschliche Wesenheit in einer noch ursprünglicheren Art mit dem Gesamtdasein, mit dem Gesamtleben zusammenhängt, deshalb braucht auch das Kind als Nahrung für seine Seele das Märchen. (...) Weil das Kind noch an der eigenen Gestaltung schöpferisch tätig sein muss, weil es noch die gestaltenden Kräfte selbst für sein Wachstum, für die Entfaltung aller seiner Anlagen hervorbringen muß, deshalb empfindet es so wunderbare Nahrung für seine Seele in den Bildern des Märchens, in denen es wurzelhaft mit dem Leben zusammenhängt.

Rudolf  Steiner, 1861-1925

Wir meinen, das Märchen und das Spiel gehöre zur Kindheit: wir Kurzsichtigen! Als ob wir in irgend einem Lebensalter ohne Märchen und Spiel leben möchten!

Friedrich Wilhelm Nietzsche, 1844-1900

Das Leben ist das schönste Märchen.

Hans Christian Andersen, 1805-1875

Das Leben eines jeden Menschen ist ein
von Gotteshand geschriebenes Märchen.

Hans Christian Andersen, 1805-1875

Alle Märchen sind nur Träume von jener heimatlichen Welt, die überall und nirgends ist.

Novalis, 1772-1801

Wie jammervoll und nüchtern erscheint mir eine Kinderstube, aus der das Märchen verbannt ist.

Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach, 1830-1916

Tiefere Bedeutung liegt in den Märchen meiner Kinderjahre als in der Wahrheit, die das Leben lehrt.

Johann Christoph Friedrich von Schiller, 1759-1805

Keine andere Dichtung versteht dem menschlichen Herzen so feine Dinge zu sagen wie das Märchen.

Johann Gottfried von Herder, 1744-1803

Es gibt keine andere Offenbarung, als die Gedanken der Weisen; wenn auch diese, dem Lose alles Menschlichen gemäß, dem Irrtum unterworfen, auch oft in wunderliche Allegorien und Mythen eingekleidet sind, wo sie dann Religionen heißen.

Arthur Schopenhauer, 1788-1860

Die Fabel ist eine Brücke, die zur Wahrheit führt.

Unbekannt

Waldmärchen

 Es lebt ein Ries' im Wald,
 der hat ein Ohr so groß,
 wenn da ein Donner schallt,
 ist's ihm ein Jucken bloß.

 Er macht so mit der Hand,
 als wie nach einer Hummel -
 sein eigenes Gebrummel
 erschreckt das ganze Land.

 Und kommt die Regenzeit,
 dann schläft er, und es wird
 aus seinem Ohr ein Teich,
 und dort sitzt dann der Hirt

 und tränkt dran seine Schaf;
 doch manchmal dreht, o Graus,
 der Ries' sich um im Schlaf -
 und dann ist alles aus.

Christian Morgenstern, 1871-1914

Der Rosenelf

Inmitten eines Gartens wuchs ein Rosenstrauch,
der war ganz voller Rosen,
und in einer davon, der schönsten von allen,
wohnte ein Elf; er war so winzig klein,
daß kein menschliches Auge ihn sehen konnte,
hinter jedem Blatt in der Rose
hatte er so wohlgestalt und hübsch,
wie ein Kind nur sein konnte,
und hatte Flügel an den Schultern,
hinab bis zu den Füßen.
Oh, es war ein Duft in seinen Zimmern,
und wie hell und schön waren die Wände!
Sie waren ja die feinen hellrosa Rosenblätter.

Hans Christian Andersen

Mancher will dem Kinde keine Märchen geben, weil die Märchen "lügen", weil sie mit der "Wirklichkeit nicht zusammengehen". Aber ist nicht die nackte, nützliche Wirklichkeit, der Sinn für den lebendigen Menschen Lüge und Schein? Was ist wahrer: diese so vorgestellte Wirklichkeit oder das Wunder? Die Naturwissenschaft könnte alle sinnlich erfassbaren Zusammenhänge kennen und doch würde ihr erst dann das volle Gewicht der Tatsache bewusst werden, dass alles Sinnliche wie ein Zauber aus einem Unsinnlichen herausblüht.

Christian Morgenstern, 1871-1914

Wie jammervoll und nüchtern erscheint mir eine Kinderstube, aus der das Märchen verbannt ist.

Marie von Ebner-Eschenbach

 

Tafelbild  H. Kullak-Ublick aus: Waldorf-Ideen-Pool