Das Adventsgärtlein

 Einige ganz persönliche Gedanken

Es ist dunkel und kalt draußen. In einigen Fenstern in dieser Straße in Wilhelmsburg ist Weihnachtsbeleuchtung zu sehen. Auf dem Weg zur Bushaltestelle höre ich einige Jugendliche laut über etwas streiten. Einige junge Frauen aus den verschiedensten Kulturen warten mit mir auf den Bus. Zwei telefonieren mit ihren Handys, eine in türkischer, die andere in englischer Sprache. Der Bus ist voll, die Menschen haben von einem langen Arbeitstag müde Gesichter. Ein kleines Kind schreit in seiner Kinderkarre. Am Bahnhof drängen alle zur Rolltreppe. Nur eine junge Punkerin geht ruhig und gelassen mit ihren drei Schäferhundmischlingen die Treppe hoch.

Ist es erst eine halbe Stunde her, dass ich im „Adventsgärtlein" war, das in seiner einfachen und beeindruckenden Form Besinnlichkeit und Ruhe ausgestrahlt hat? Die Abschiedsworte einer der beiden Erzieherinnen, ich möge die Stimmung mitnehmen und möglichst noch lange in mir tragen, kommt mir in den Sinn. Ich lasse alles noch einmal an mir vorüberziehen und vergesse, dass ich mich in der überfüllten Bahn befinde:

Die Vorbereitungen

Das erste Mal soll das Adventsgärtlein im Interkulturellen Waldorfkindergarten Hamburg-Wilhelmsburg begangen werden. Bei den aufwändigen Vorbereitungen hilft dankenswerterweise eine Mutter den beiden Erzieherinnen: Der Gruppenraum muss ausgeräumt, die Fenster verdunkelt werden, die Tannenspirale muss gelegt, die Äpfel ausgestochen, poliert und mit Kerzen versehen werden. Das große Weihnachtslicht steht in der Mitte auf einem kleinen mit Tüchern geschmückten Podest, Stühle für die Kinder und Eltern werden gestellt, der Platz für die Erzieherin, die das Fest mit Leier-Musik begleitet, wird hergerichtet. Die Tannenspirale wird nun geschmückt, mit aus Goldpapier hergestellten Untersetzern für die Apfelkerzen versehen.

Der Beginn der kleinen Feier

Kinder und Eltern werden im Garderobenraum empfangen - die meisten Kindergartenkinder sind noch im Krippenalter, so dass die Eltern noch nicht vorab allein in den Raum gehen können, wie man es sonst kennt. Die lebhafte Wartestimmung wird langsam ruhiger. Leider konnten nicht alle Kindergartenkinder kommen. Sie werden von den anderen vermisst.

Beim Betreten des Raumes wird das Lied "Über Sterne, über Sonnen" gesungen - die Eltern haben es in der vergangenen Woche, zusammen mit anderen Liedern, mit einer der Erzieherinnen morgens nach dem Hinbringen der Kinder gemeinsam geübt. Der Raum ist noch recht dunkel, er wird zu Beginn nur von der großen Kerze in der Mitte und einigen kleinen Lichtern bei der Leierspielerin erhellt.

Nachdem die Eingangsmelodie verklungen ist, beginnt die Erzieherin mit dem Spruch:

"In der dunklen Nacht ist ein Stern erwacht,
leuchtet hell am Himmelszelt,
schenkt sein Licht der ganzen Welt,
in der dunklen Nacht ist ein Stern erwacht:"

Inzwischen sind die Kinder zur Ruhe gekommen, die Stimmung des Raumes wirkt.

Der Weg von außen nach innen

Der Reihe nach wird jedes Kind von der Erzieherin abgeholt,  bekommt eine Apfelkerze in seine Hände gereicht und geht die Spirale von außen nach innen zur großen Kerze. Die sehr jungen Kinder werden von ihren Müttern geführt, einige gehen schon an der Hand der Erzieherin, ein älterer Junge und ein Geschwisterkind legen den Weg allein zurück. So ist bei den meisten Kindern auch noch Hilfe beim Anzünden der Kerze an der Flamme in der Mitte nötig. Umso berührender ist es zu sehen, wie einige dies allein, sehr konzentriert und andächtig, schaffen. Das Apfellicht wird auf den goldenen Untersatz auf den Zweigen gestellt und das Kind geht den Weg zurück an seinen Platz - alles von den zarten Leier-Melodien begleitet. In gewissen Abständen werden weitere Lieder gesungen, und mit jedem Kind, das sein Licht entzündet hat, wird der Raum heller und heller.

Der Brauch des Adventsgärtleins

Der Erwachsene kann sich, auch im Trubel der Vorweihnachtszeit, eine innere Ruhe und Augenblicke der Stille schaffen, um sich auf das Fest vorzubereiten. Die Kinder müssen in diesem Prozess der Hinwendung nach innen unterstützt werden; dafür ist der Brauch des Adventsgärtleins entstanden. Die Tannenspirale soll den Weg von außen nach innen, zu sich selbst, symbolisieren.

Eindrücke, die bleiben

Nachdem die Kinder ihre Kerzen entzündet haben, klingt das Fest des Adventsgärtleins musikalisch aus und alle ziehen unter den Klängen der Leier hinaus. Jedes Kind bekommt bei der Verabschiedung ein Apfellicht mit nach Hause.

Die strahlenden Augen der Eltern, die den Kindern zuschauen, der Moment des Kerze-Anzündens, in dem die Kindergesichter erhellt werden, das „Loslassen", wenn die Kinder auf dem Rückweg die Spirale wieder verlassen haben -  Eindrücke, die bleiben.

So wie die Kinder den Weg in das Innere der Spirale gegangen und wieder zurückgekehrt sind nach außen, so kommt mir die Feier des Adventsgärtleins im Kindergarten in diesem interkulturellen Stadtteil auch vor: Der Kindergarten als ein besonderer innerer Raum in einem sich so sehr davon unterscheidenden äußeren Umfeld. Oder anders herum gesehen: Ein besonderer Stadtteil, in dem sich als Ruhepol ein Waldorfkindergarten befindet.

Ruth Bronsema